
Planen & Bauen, SI 3/2026
Risiko Permafrost: Wenn der Berg schmilzt
Langzeitmessungen im Alpenraum zeigen seit den 1990er-Jahren einen klaren, anhaltenden Trend: Die Temperatur im gefrorenen Untergrund steigt an, und das in fast allen Beobachtungsbohrungen. Was jedoch oft unterschätzt wird, der Permafrost muss nicht erst auf null Grad ansteigen, um problematisch zu werden.
Bereits eine Erwärmung auf Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt kann dazu führen, dass die mechanische Festigkeit des nun nur noch teilweise gefrorenen Materials aufgrund erhöhter Bergwasserdrücke deutlich reduziert wird und Kriechverformungen um ein Vielfaches erhöht werden.
Die Gefahr für die Infrastruktur
Für Ausflugsgebiete im Alpenraum bedeutet das konkret, Fundamente von Installationen, die früher stabil waren, können in Bewegung geraten.
Liftstützen beginnen sich zu neigen, Bergstationen setzen sich ungleichmäßig, Verankerungen von Seilen und Sicherungsnetzen verschieben sich, Pistenrandverbauungen und Stützmauern reißen.
Hinzu kommen Hangbewegungen ganzer Felsschultern und Schuttkörper, in denen die Bauwerke verankert sind, sowie ein erhöhtes Risiko für Stein- und Felsschlag.
Aktuelles Beispiel:
Der Felssturz vom 12. März 2026 in der Nähe des Whistler Peak in Kanada.

Der Felssturz in Kanada
Wie aktuell ein solches Risiko sein kann, hat das Ereignis vom 12. März 2026 in Whistler Blackcomb, Kanada, gezeigt: An der Nordseite des Whistler Peak löste sich auf rund 2.130 Metern Höhe am frühen Morgen ein Felssturz, der über eine zu diesen frühen Morgenstunden zum Glück noch unbefahrene Piste rund 300 Meter abging.
Die Untersuchung der Schadensursache läuft, doch das Ereignis ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie rasch sich Felsstrukturen in Hochlagen verändern können – mit unmittelbaren Folgen für Skifahrer, Mitarbeitende und den Betrieb. Reparaturen und Sicherungen sind in solchen Lagen technisch anspruchsvoll, teuer und meist nur in kurzen Sommerfenstern möglich.
Warnsignale
Erste Warnsignale sind häufig subtil.
Risse im Beton, klemmende Türen und Fenster, ungleichmäßige Setzungen am Sockel eines Stützenfundaments, leicht schief stehende oder verdrehte Liftstützen, kleine Versätze zwischen Bauteilen, zunehmender Justierungsbedarf bei Spann- und Verankerungstechnik oder erhöhte Steinschlagaktivität gehören dazu.
Wenn Anlagen nach jedem Sommer „neu eingestellt“ werden müssen, ist das ein deutlicher Hinweis. Sichtbare Schäden deuten oft auf ein bereits fortgeschrittenes Stadium hin.
Die Lösung?
Installation eines Thermosiphons im Engadin St. Moritz in der Schweiz.

Gefahr erkannt – wie reagieren?
Der Einstieg ist eine geowissenschaftliche Standortanalyse. Permafrostkarten können eine erste Orientierungshilfe sein, wie das Beispiel der Bergstation am Piz Nair im Engadin, Schweiz aufzeigt. Die Bergstation der Pendelbahn liegt gemäß der SLF Permafrostkarte in einem eisarmen Permafrostgebiet mit Jahresmitteltemperaturen zwischen 0 und -1°C.
Diese Hinweise sollten durch eine spezifische geotechnische Bestandsaufnahme, zum Beispiel durch Bohrungen und geophysikalische Messungen, ergänzt werden. Oft können auch alte Baudokumentationen sachdienliche Hinweise liefern, zum Beispiel: Wurde beim Aushub gefrorenes Material angetroffen?
Um die richtigen Maßnahmen zu treffen, müssen die geophysikalischen Prozesse gut verstanden werden. Dabei geht es in erster Linie darum, die Temperaturen und deren Veränderungen sowie die Verschiebungen des Untergrunds und der Infrastruktur zu erkennen. Thermistorketten in Bohrungen liefern kritische Temperaturprofile über eine Tiefe von 20 bis 30 Metern und bilden das Rückgrat.
Thermosiphons:
So sieht ein Teil des Systems nach dem Einbau aus.

Mit Inklinometern und Extensometern können zeitabhängige Verformungen im Untergrund erfasst werden. Geodätische Messungen, mit automatischen Totalstationen oder GNSS-Sensoren, zeigen Bewegungen an der Oberfläche.
Eine besondere Rolle spielen in jüngster Zeit Satellitendaten. Mit Radarinterferometrie (InSAR) lassen sich großflächige Hangbewegungen mit Millimetergenauigkeit überwachen, und dank archivierter Aufnahmen sogar mehrere Jahre rückwirkend analysieren.
Das ist gerade für Skigebiete eine sehr kostengünstige Möglichkeit, sich erst einmal einen Überblick über kritische Regionen und sich verändernde Hang- und Gebäudeverschiebungen zu verschaffen.
Bei besonders sensibler Infrastruktur lohnt sich oft zusätzlich, spezialisierte Systeme einzusetzen. Entscheidend ist jedoch nicht die einzelne Technologie, sondern die intelligente Verknüpfung und eine fundierte Interpretation aller verfügbaren Daten.
Schrägbohrungen

Von Kanada lernen: Thermosiphons
In Kanada befasst man sich schon seit Jahrzehnten mit Bauten im Permafrost, sowie den möglichen Folgen des Klimawandels auf die Stabilität der Fundamente.
Auch wenn sich die klimatischen Bedingungen im Alpenraum von denjenigen der Arktis unterscheiden, zeigen bewährte Ansätze großes Potential für die alpine Seilbahnbranche.
Ein Beispiel hierfür sind Thermosiphons. Diese robuste, wartungsarme und energieautarke Technologie wurde am Piz Nair im Sommer 2025 erstmals in dieser Form für eine Bergstation im Alpenraum eingesetzt.
In drei Bohrgruppen wurden insgesamt 17 Thermosiphons mit rund 480 Metern Bohrlänge installiert, ergänzt durch zehn Thermistorketten zur Überwachung. Die Daten aus dem ersten Winter sind sehr vielversprechend und zeigen, dass die Bodentemperatur in etwa 10 Metern Tiefe lokal um mehr als 2 °C gesenkt, und somit die mechanische Festigkeit erhöht wurde.

Lukas Arenson
Bau- und Permafrostingenieur, Autor dieses Artikels
Ein neues Denken ist gefordert
Ebenso wichtig wie der Einsatz der richtigen Technik ist die Denkweise, mit dem Fundamenten im Permafrost geplant und betrieben werden müssen. Permafrost muss als veränderliche, aktiv zu managende Komponente der Infrastruktur verstanden werden, nicht als statischer Untergrund.
Das bedeutet langfristiges Monitoring von Anfang an, und Anpassungsfähigkeit im Design. So lassen sich passive Thermosiphons später zu aktiven Systemen erweitern. Wichtig ist auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Betreibern, Ingenieuren, Behörden und Wissenschaft.
Wenn die alpine Seilbahnbranche diesen Ansatz übernimmt, kann sie ihre hochalpinen Anlagen auch in einem wärmeren Klima sicher und wirtschaftlich betreiben.
Autor:
Lukas Arenson, Bau- und Permafrostingenieur sowie Principal Geotechnical Engineer bei BGC Engineering, Vancouver